Archiv für September 2007

Mango: Lernen ohne 2.0

29. September 2007

mango_logo Elf Sprachen. Jeweils einhundert Lektionen. Klingt verlockend – und tatsächlich ist Mango gut gemacht, sofern man als Ausgangssprache Englisch akzeptiert. Wobei für die Anfängerlektionen das Schulwissen genügen dürfte.

Die Lektionen entsprechen den üblichen Lehrbüchern – interaktive Präsentation. Didaktische Glanzleistungen sind nicht zu finden. Dafür muss man sich nicht mit der alten Welt von Buch und CD herumquälen. Auch die Darstellung der Zeichen ist (in den Chinesisch-Lektionen) ausgezeichnet, reicht allerdings nicht, um das Schreiben zu erlernen.

Überraschend, dass die Website die Kurse kostenlos ohne Werbebelästigung anbietet. Beta-Status wird wohl nicht lange erhalten bleiben.

Lernen Sie schnell, denn die Flash-Lektionen lassen sich natürlich nicht herunterladen! Mango ist also nichts für Bahn und Flugzeug.
Mango_screenshot

Was ganz klar fehlt: 2.0. Auf Interaktivität ist hier – bisher – völlig verzichtet worden. Sollten sich genügend User finden, wäre ein Austausch innerhalb der Lektion eine tolle Idee. Warum nicht anzeigen, wer online an der gleichen Stelle lernt? Dialoge würden sich anbieten und könnten die üblichen, teueren Moderatoren ersetzen.

Abwarten, wie lange wir Mango kostenlos genießen dürfen.

Seiten futtern mit DailyLit

26. September 2007

Literatur für das schnelle Leben im Internet wird per Abo sorgfältig zerstückelt und häppchenweise in den RSS-Reader oder in die Inbox gelöffelt, damit der Surfer sich nicht die Frage stellen muss: Wie ging das noch mit dem Buch-Aufschlagen?

DailyLit liefert die üblichen Verdächtigen ohne Schuld und Sühne: Im Netz frei verfügbare und damit für suchende E-Book-Leser größtenteils bekannte Werke können Newsletter-artig bestellt oder im RSS-Format an gewünschten Tagen geliefert werden.

Moby Dick ist in 252 Stücke zerteilt. Der Graf von Monte Cristo in 581 Teile. Was bei konsequentem, wochentäglichem Konsum der Fetzen ein oder zwei Jahre dauern würde. Der auch in Druckform nicht ganz schmale Klassiker „Krieg und Frieden“ flattert nach der 200-Tage-Berechnung damit über drei Jahre lang in die Mailbox. Also eigentlich nichts für den schnellen Leser. Zusammenfassungen und Kurzversionen gibt es woanders – in der Regel auch nicht kostenlos.

Hoffen wir, dass es die Seite überhaupt so lange geben wird. Aber zum Glück gibt es bei DailyLit auch kürzere Werke. Ein Blick in die Top-Listen lohnt.

Google im Weltraum

15. September 2007

Zuerst hat sich die große Gemeinschaft der Maps- und Earth-Freunde nach dem Sternenhimmel über den neuesten Clou von Google gefreut: Moon mit den netten kleinen Männchen, die Apollo-Landeplätze markieren, ist hübsch gestaltet und übertrifft in der Auflösung die eher spartanische Karte von Google Mars, wo das legendäre Gesicht zwar markiert, aber nicht erkennbar ist.

Und als alle mehr oder wenig gestaunt haben, über die neue Karte, in der bald sicher auch die Routenplanung funktionieren wird, meldet Google ganz nebenbei, dass Menschen gesucht werden, die die Brain-Company zum Mond bringen sollen.

Zum Mond?

30 Millionen Dollar verteilt die Suchmaschine an jeden, der ihnen den Weg senkrecht nach oben zeit. Google Lunar X Prize ist der Titel dieser scheinbar unglaublichen Ansage.

Richard Branson – ohnehin übermäßig exzentrisch – hat nur leichte Überraschung erzeugt, als er mit Virgin Galactic das erste Weltraum-Reiseunternehmen gegründet und kurze Zeit später tatsächlich die ersten Raumschiffe ins All geschossen hat. Er wurde nur ein paar Monate für verrückt gehalten.

Ist bei Google die Langeweile oder der Wahnsinn ausgebrochen? Tatsächlich kann es für eine der führenden Firmen der Welt nicht besonders interessant sein, jede Woche ein paar Millionen in Kleingeld aus der Kaffeekasse für das nächste Startup zu spendieren.

Die große Vision musste her. Und die Mondlandungen sind nicht nur etwas, auf das ganz Amerika stolz ist, es trägt auch den amerikanischen Geist in die ganze Welt. So ist der graue Trabant der ideale Imageträger für eine Firma, die sich so ganz als guter Hirte der Menschheit fühlen will.

Nach den ersten kleinen Engagements zur Rettung der Welt greift man nun nach den Sternen. Eigentlich ist das Prinzip gar nicht so verrückt: Das Ausschreiben eines Preises hat auch Branson eine Lösung für den Raumflug gebracht. Im Vergleich zu den Budgets, die von der NASA verbrannt werden, ein echtes Schnäppchen. Und wenn keine Lösung gefunden wird: Auch nicht schlimm, weil ja erst gezahlt wird, wenn ein Vorschlag auch funktioniert. Außerdem ist Google finanziell so gut ausgestattet, dass es sich – im Vergleich zu den hochroten Haushalten vieler Nationen – so eine Expedition leisten kann.

Die Ketzer sollten erst einmal schweigen und schauen.

Sicher wird Google die geplanten Landeplätze auf Moon einzeichnen.

JPG-Magazin: Leser Zeitschrift machen lassen.

15. September 2007

Videos aus dem Internet sind mittlerweile eine feste Größe in der sinnlosen Bildtapete privater Fernsehsender geworden. „Created by the people who watch it“ ist das Motto von Current TV, die in den USA mit ihrem Ansatz kollektiver TV-Produktion mäßig erfolgreich sind.

Die elektronische Produktion ist billig und unkompliziert, egal ob Video oder Foto. Und die elektronisch abgespeicherte Masse erschlägt jeden, der auf der Suche nach Qualität ist. Zum Beispiel ist Photobucket die größte unter vielen. Mit beeindruckenden 50 Millionen Usern und über 3 Milliarden Bildern. Wie viele Bildergalerien auf privaten Webseiten virtuell verstauben, lässt sich nicht zählen.

Online zu veröffentlichen ist (zu) einfach.

Wer viel Fleiß in ein Schriftstück gesteckt hat, das auch in der Größe den Blog übertrifft, kann mit edel gedruckten Einzelstücken als Online-Miniautor Karriere machen: So befreit zum Beispiel Lulu die Schreibergemeinschaft von den vielen Hürden zum eigenen Buch: Lulu beweist, dass es auch ohne Verlag, Lektor, Buchgroßhandel und eine rasende Harry-Potter-ähnliche Gemeinschaft geht, um endlich das eigene Meisterwerk „Stricken im Dunkeln“ zu veröfentlichen.

Einen sehr mutigen Weg versucht das JPG-Magazin, das leider nur in den USA verkauft wird – alle anderen können nur die üblichen Online-Versionen ansehen, die sind dafür kostenlos zu bewundern.

Die Entstehung einer Ausgabe des innovativen Fotomagazins verläuft klassisch 2.0: Fotografen laden die eigenen Schüsse auf der Seite des Magazins hoch und werden von allen Besuchern bewertet. Und dann läuft es doch ein wenig anders, denn Redakteure machen aus den Gewinnern des Monats echtes Papier. Das Magazin verkauft sich gut in Amerika. Der Clou: Jeder Fotograf bekommt pro abgedruckten Bild ein festes Honrar von 100 Dolllar – im Vergleich zu üblichen Preisen ein echtes Schnäppchen.

Beeindruckend ist die hohe Qualität des Magazins. Während in Deutschland in den beiden großen Fotomagazinen die Leserbeiträge eher Kopien von Kalenderlandschaften sind, ist das Engagement für JPG deutlich hochwertiger und das Magazin rangiert bereits nach wenigen Ausgaben auf dem Niveau von Wired.

Es muss ja nicht immer die beliebige Online-Gallerie sein! Außerdem kann man die nicht ins Regal stellen.

iPod Touch: Richtiger Weg mit falschem Namen

10. September 2007

Trotz aller Diskussionen: Apple setzt Trends und entfesselt das Internet endlich von der klassischen Kombination aus Computer, Maus und Bildschirm. Damit setzen iPod Touch und iPhone auf drei wichtige zukünftige Entwicklung des Internets:

1) Mobile: Auch wenn der iPod Touch nur über W-LAN online ist, lassen sich beide Geräte bequem überall benutzen (mindestens in Reichweite eines Hotspots). Telefonie und MP-3-Player rücken aus dem Fokus der Nutzer, da zumindest die Musicbox längst zum Hygienefaktor bei Mobiltelefonen geworden ist. Konsequent wäre es gewesen, den schwarzen iPod aus der Reihe der klassischen MP-3-Spieler herauszunehmen und das Gerät iWeb statt iPod zu nennen.

2) Eingabe = Ausgabe: Wer braucht noch Maus, Tastatur, Eingabestift? Getreu dem Motto „Weniger ist mehr“ zieht Apple – wie bereits mit der Erfindung der Maus – endlich wieder nach vorne und präsentiert das unkomplizierte Touch-Display. Microsoft arbeitet immer noch an einer klobigen Variante des berührbaren Bildschirms, die wenig Erfolg versprechend so tief ist, dass die Prototypen wie ein Wohnzimmertisch auf dem Boden stehen. Nokia und Samsung setzen dagegen eher auf die Größe einer Handfläche. Die Touchpad-Laptops bekommen endlich praxistaugliche kleine Brüder. Mehr davon…

3) Auf die Hardware-Tour: Leute, die gerne Software programmieren sollten auch ihre eigene Hardware bauen. Das bekannte Zitat von Alan Kay dürfte bei Firmenchef Steve Jobs wahrscheinlich im Büro an die Wand gemalt sein. Konkurrent Microsoft hat immer wieder Versuche gestartet, selbst Hardware auf den Markt zu bringen. Trotz des Erfolgs von Windows, Office und ein paar anderen Anwendungen sind die Kunden bei der iPod-Kopie von Bill Gates eher zurückhaltend. Apple punktet zusätzlich über das offene Betriebssystem OS-X, so dass die User ihr Gerät auf das Niveau eines Schweizer Taschenmesser programmieren können. Währenddesssen erhärten sich die Gerüchte, dass ein ganz anderer nachziehen wird. Aber die Frage wird noch eine Weile offen bleiben, ob Google tatsächlich das eigene Telefon bringen wird – zumal der Name „Phone“ für eine Marke wie Google deutlich zu wenig wäre.

Sinnhaft: iPod Touch gegen iPhone?

6. September 2007

Konkurrenz im eigenen Hause? Die Präsentation des hausgemachten iPhone-Nachbaus und der fast komplett umgearbeiteten Produktfamilie der Apple-MP3-Player schafft neben der üblichen Apple-Begeisterung auch Fragen: Ist es vorbei mit der visionären Zielsicherheit von Steve Jobs?

Die Innovationsführerschaft von Apple scheint aufgegeben: Man kopiert sich, schafft Konkurrenz im eigenen Hause und zeigt Videoplayer, die der Wettbewerb teilweise seit Jahren baut. Obendrein wird der Klassiker nicht revolutioniert, sondern lediglich knapp verkleinert und um große Festplatten erweitert – beides preiswerte Frisuren, die offensichtlich mehr Geld in die Kassen von Apple spülen sollen. Wie in der Autoindustrie werden technisch unspektakuläre Produkte auf einmal „Classic“ genannt.

So umstritten der iPod Touch ist: Mit dem Gerät öffnet Apple endlich den internationalen Markt und muss sich nicht auf langwierige Verhandlungen mit nationalen Mobilfunkbetreibern und unterschiedlisten Marktbedingungen herumärgern. Vorbei ist die Diskussion, welcher Netzbetreiber zu welchen Preis das iPhone wann auf den Markt bringt. In Deutschland haben die echten iPhone-Fans das Gerät ohnehin längst gekauft. Bei Gravis in München wird das iPhone gleich am Eingang präsentiert. Die Kunden sind begeistert. Kaum einer fragt, ob man damit schon telefonieren kann. Auf Mobilfunk kann der begeisterte Kunde offensichtlich verzichten, schließlich gibt es genug andere Anwendungsmöglichkeiten (und am Ohr erzeugt das iPhone lange nicht so viel Aufmerksamkeit wie in der Hand).

Die Ähnlichkeit des iPod Touch birgt weitere Vorteile: Höhere Stückzahlen erzeugen niedrigere Herstellkosten (dass Apple das iPhone sofort drastisch verbilligt), bessere Qualität und sowie eine schnellere Evolution der Technik. Je mehr von beiden verkauft werden, desto schneller kann der Kunde sich auf bessere, neue Endgeräte freuen – und Jobs ist bekannt für extrem kurze Lebenszyklen seiner Gadgets.

Auch wenn der iPod Touch als Light-Variante des iPhones abgeklatscht wird: Das Gerät erfüllt konsequent alle Funktionen zukünftiger mobiler Endgeräte: Touchscreen, multifunktionales Betriebssystem, Video (YouTube) und W-LAN-Konnektivität. Vielleicht kann die IP-Telefonie herkömmliche Mobilfunk-Funktionen bald ersetzen – wie bereits jetzt bei Starbucks. Lediglich der Entfall der Kamera schmälert die Taschenmesser-Genialität des Geräts, obwohl die Zubehör-Hersteller diese Lücke sicher rasch füllen werden. Die Prognose ist klar: Wo das iPhone nicht schnell genug einen Mobilfunkbetreiber findet, wird der iPod Touch zum Liebling der Nation.

Bleibt nur eine Frage: Warum hat Apple bei Shuffle, Nano und Classic auf W-LAN und innovative Eingabegeräte verzichtet? Und mit ein paar eingebauten Spielen wird sich die anspruchsvolle Apple-Gemeinde langfristig nicht abspeisen lassen…