Konkurrenz im eigenen Hause? Die Präsentation des hausgemachten iPhone-Nachbaus und der fast komplett umgearbeiteten Produktfamilie der Apple-MP3-Player schafft neben der üblichen Apple-Begeisterung auch Fragen: Ist es vorbei mit der visionären Zielsicherheit von Steve Jobs?
Die Innovationsführerschaft von Apple scheint aufgegeben: Man kopiert sich, schafft Konkurrenz im eigenen Hause und zeigt Videoplayer, die der Wettbewerb teilweise seit Jahren baut. Obendrein wird der Klassiker nicht revolutioniert, sondern lediglich knapp verkleinert und um große Festplatten erweitert – beides preiswerte Frisuren, die offensichtlich mehr Geld in die Kassen von Apple spülen sollen. Wie in der Autoindustrie werden technisch unspektakuläre Produkte auf einmal „Classic“ genannt.
So umstritten der iPod Touch ist: Mit dem Gerät öffnet Apple endlich den internationalen Markt und muss sich nicht auf langwierige Verhandlungen mit nationalen Mobilfunkbetreibern und unterschiedlisten Marktbedingungen herumärgern. Vorbei ist die Diskussion, welcher Netzbetreiber zu welchen Preis das iPhone wann auf den Markt bringt. In Deutschland haben die echten iPhone-Fans das Gerät ohnehin längst gekauft. Bei Gravis in München wird das iPhone gleich am Eingang präsentiert. Die Kunden sind begeistert. Kaum einer fragt, ob man damit schon telefonieren kann. Auf Mobilfunk kann der begeisterte Kunde offensichtlich verzichten, schließlich gibt es genug andere Anwendungsmöglichkeiten (und am Ohr erzeugt das iPhone lange nicht so viel Aufmerksamkeit wie in der Hand).
Die Ähnlichkeit des iPod Touch birgt weitere Vorteile: Höhere Stückzahlen erzeugen niedrigere Herstellkosten (dass Apple das iPhone sofort drastisch verbilligt), bessere Qualität und sowie eine schnellere Evolution der Technik. Je mehr von beiden verkauft werden, desto schneller kann der Kunde sich auf bessere, neue Endgeräte freuen – und Jobs ist bekannt für extrem kurze Lebenszyklen seiner Gadgets.
Auch wenn der iPod Touch als Light-Variante des iPhones abgeklatscht wird: Das Gerät erfüllt konsequent alle Funktionen zukünftiger mobiler Endgeräte: Touchscreen, multifunktionales Betriebssystem, Video (YouTube) und W-LAN-Konnektivität. Vielleicht kann die IP-Telefonie herkömmliche Mobilfunk-Funktionen bald ersetzen – wie bereits jetzt bei Starbucks. Lediglich der Entfall der Kamera schmälert die Taschenmesser-Genialität des Geräts, obwohl die Zubehör-Hersteller diese Lücke sicher rasch füllen werden. Die Prognose ist klar: Wo das iPhone nicht schnell genug einen Mobilfunkbetreiber findet, wird der iPod Touch zum Liebling der Nation.
Bleibt nur eine Frage: Warum hat Apple bei Shuffle, Nano und Classic auf W-LAN und innovative Eingabegeräte verzichtet? Und mit ein paar eingebauten Spielen wird sich die anspruchsvolle Apple-Gemeinde langfristig nicht abspeisen lassen…
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